Manfred Schäffler´s Fledermausseite

Neu: Fledermausschutz in der Region Ostalb von Manfred Schäffler

Hier zur allgemeinen Einführung in die Thematik der mit freundl. Genehmigung des Authors abgedruckte Artikel

Flughund und Fledermaus - Unbekannte Tiere? von Andres Beck

Fledermäuse bilden innerhalb der Säugetiere eine eigenständige Gruppe. Der folgende Text gibt einen allgemeinen Abriß über die Biologie dieser faszinierenden Tiere, die als einzige Säugetiere AKTIV fliegen können. Der Verfasser ist Regionaler Fledermausschutz-Experte des Kantons Aargau in der Schweiz.

Ordnung Chiroptera
Innerhalb der Klasse der Säugetiere sind die ca. 200 Arten der Flughunde (Unterordnung Megachiroptera) und die ca. 800 Arten der Fledermäuse (Unterordnung Microchiroptera) in der Ordnung der Fledertiere (Chiroptera) zusammengefaßt. Sie ist nach den Nagetieren (Ordnung Rodentia) die artenreichste Säugetierordnung. Das Gemeinsame dieser etwa 1000 Arten ist die Umgestaltung der Hand zum Flügel (Chiroptera = Handflügler), der die Fledertiere als einzige Wirbeltiere neben den Vögeln zum aktiven Flug befähigt.

Entwicklungsgeschichte
Die ältesten fossilen Fledermäuse wurden in der Grube Messel bei Darmstadt gefunden. Sie stammen aus dem Eozän, also aus einer Zeit, die 50 Millionen Jahre zurückliegt. Da der Körperbau dieser fossilen Tiere bereits dem der heute lebenden Arten entspricht, stellen Fledermäuse eine erdgeschichtlich alte Gruppe dar, die sich schon früh entwickelt haben muß. Trotz fehlender älterer Fossilien, die Rückschlüsse auf die Entstehungsgeschichte zuließen, wird heute allgemein vermutet, daß Fledermäuse von nachtaktiven, boden- oder baumbewohnenden Insektenfressern abstammen. Neben einigen wenigen Vogelarten sind Fledermäuse die einzigen Wirbeltiere, die nachts den Luftraum mit den vielen nachtaktiven Insektenschwärmen für den Nahrungserwerb nutzen können. Vielleicht konnte sich gerade wegen dieser fehlenden Konkurrenz eine so große Artenvielfalt bei den Fledermäusen entwickeln.

Unterordnung Megachiroptera - Flughunde
Die ca. 200 Flughundarten sind nur in den Tropen und Subtropen der alten Welt verbreitet. Die nächste Art aus europäischer Sicht, der Nil- oder Ägyptische Flughund, kommt in Zypern vor. Flughunde sind meist große Tiere; die Körperlänge bei den einzelnen Arten reicht von 60 bis 100 cm. Der größte Flughund hat dabei eine Flügelspannweite von 170 cm. Flughunde sind dämmerungsaktiv und orientieren sich mit den großen Augen. Sie unterscheiden sich hier von den "eigentlichen" Fledermäusen (Microchiroptera), die sich mit Echoortung im Raum zurechtfinden. Einzig der Höhlenflughund, der tagsüber in Höhlen schläft, hat ein ähnliches Orientierungs-System entwickelt. Er macht "Schnalztöne" und hört deren Echo in der Höhle. Diese Töne werden aber mit der Zunge produziert und nicht wie bei den Fledermäusen im Kehlkopf. Alle Flughunde ernähren sich rein vegetarisch, das heißt sie fressen Früchte, Blüten, Pollen oder Nektar. Viele Arten fliegen in der Dämmerung zu Bäumen und Sträuchern mit reifen Mangos, Avocados, Bananen, Datteln und Feigen und fressen dort die Frucht, oder tragen sie mit den Füßen oder im Maul weg. Viele Flughundarten sind durch diese Verschleppung der Früchte und Samen wichtig für die Verbreitung tropischer Pflanzen. Eine Anpassung an diese Fruchtnahrung finden wir bei diesen Arten am Gebiß. Die Zähne sind breit und flach, sie dienen dem Zerquetschen der Früchte. Viele Flughunde haben offenbar den gleichen Geschmack wie wir Menschen, sie bevorzugen süße, aromatische und reife Früchte. Sie werden deshalb oft bekämpft, da sie über nacht ganze Plantagen von Zitrus-Sträuchern, Bananenbäumen, etc. plündern können. Als eigentliche Blütenzerstörer gelten die Langnasenflughunde. Sie fressen die fleischigen Blütenblätter vieler Pflanzen, wobei die Pflanze daraus keinen Nutzen zieht. Dagegen bestäuben die Langzungenflughunde viele tropische Pflanzen, ähnlich wie bei uns Hummeln und Bienen. Die Flughunde landen auf den derben Blüten und biegen dadurch den Blütenkelch nach unten, wobei sich der Nektar entleert, den die Tiere mit der langen Zunge auflecken können. In der Zwischenzeit biegt sich der Stempel an den Kopf, und von dort wird der Pollen an den Kopfhaaren auf die nächste Blüte übertragen. Viele tropische Pflanzen, darunter der Affenbrotbaum in Afrika, sind auf die Bestäubung durch Fledertiere angewiesen. Es sind sogenannte "chiropterophile" Pflanzen. Ihre Blüten blühen nur in der Nacht und sind unauffällig gefärbt. Die Flughunde werden durch den intensiven Geruch angelockt. Viele Flughundarten schlafen im Gegensatz zu unseren einheimischen Fledermäusen tagsüber frei an Ästen von Bäumen und Sträuchern. Einige Arten kehren dazu immer wieder an dieselben Schlafbäume zurück, an denen mehrere hundert Tiere hängen können. Oft entsteht ein großes Gezeter bis jeder seinen Hangplatz gefunden hat. Zum Schlafen wickeln sie sich in ihre großen Flughäute ein, ähnlich wie man es bei unseren beiden Hufeisennasen- Arten beobachten kann. Dies schützt sie vor kühlen Temperaturen und Hitze. Bei großer Hitze beginnen sie sogar mit den Flügeln zu fächeln. Flughunde fallen nicht wie unsere Fledermausarten in eine Winterschlaf- oder Tagesschlaf-Lethargie; bei den regelmäßig warmen tropischen Temperaturen wäre dies auch nicht sinnvoll.

Unterordnung Microchiroptera - Fledermäuse
Die ca. 800 Fledermausarten kommen im Gegensatz zu den Flughunden auch in der Neuen Welt vor und sind mit Ausnahme der Polregionen auf der ganzen Welt verbreitet. Alle unsere einheimischen Arten gehören dieser Unterordnung Microchiroptera an. Die Körpergröße beträgt bei diesen Arten 3 bis 16 cm, die Flügelspannweite schwankt zwischen 18 und 70 cm. Fledermäuse sind nicht nur wie die Flughunde dämmerungsaktiv, sie können sich mithilfe ihres Ultraschall - Orientierungssystems auch bei Dunkelheit zurechtfinden. Diese Methode ermöglicht es ihnen, die Beute in der Nacht aufzuspüren. Der größte Teil dieser Fledermausarten ernährt sich von Insekten und anderen wirbellosen Tieren, so auch alle unsere einheimischen Arten. Die nachtschwärmenden Insekten werden hauptsächlich in der Luft gefangen. Aber auch vom Boden oder der Vegetation werden Beutetiere aufgenommen; bei uns erbeuten Große Mausohren flugunfähige Laufkäfer oder Braune Langohren Raupen und Spinnen. Eine tropische Schlitznasenart fängt am Boden wehrhafte und sehr giftige Skorpione, deren Giftstachel sie beim Fressen abbeißt. Die Rundblattnase hat sich auf Singzikaden spezialisiert. Sie wird von singenden Zikadenmännchen angelockt und schnappt diese von ihrem Lockbaum weg. Einige große und kräftige Fledermausarten, wie Lanzen- und Großblattnasen, erbeuten kleinere Wirbeltiere. Die indische Lyra-fledermaus wurde beobachtet, wie sie in der Luft kleinere Fledermausarten fing. An Fraßstellen dieser Art fand man zudem Überreste von Brillenvögeln, Mäusen, Geckos, Fröschen und großen Faltern. Das amerikanische Hasenmaul ergreift mit seinen Füßen sogar Fische aus dem Wasser, die spitzen Krallen und Zähne ermöglichen ihr das Festhalten der Beute. Eine weitere amerikanische Art erbeutet männliche Frösche aus dem Wasser; sie wird, wie die Froschweibchen, durch die Paarungsrufe angelockt. Alle diese Wirbeltierfresser haben ein kräftiges, raubtierähnliches Gebiß. Drei südamerikanische Arten haben eine weitere Nahrungsquelle erschlossen. Die echten Vampire bringen schlafenden Säugetieren und Vögeln mit ihren scharfen Schneidezähnen kleine Schnittwunden bei und lecken das austretende Blut auf, ohne daß ihre Opfer aufwachen. Diese Arten treiben ihr "Unwesen" aber nur in Südamerika und kommen nicht bis nach "Transsylvanien" vor, wie fälschlicherweise immer wieder behauptet wird. Auch bei den Fledermäusen finden wir Vertreter, z.B. der Blattnasen, die sich ganz oder teilweise von pflanzlichen Stoffen ernähren; mit Vorliebe fressen auch sie reife, aromatische Früchte. Die große Spielblattnase nutzt dabei ein breites Nahrungsspektrum; sie frißt alles, von süßen Früchten und ganzen Blüten samt Insekten bis hin zu Mäusen und Vögeln. Auch nektarsaugende Arten trifft man bei den Fledermäusen an; die Spitzmaus-Langzungenfledermaus vertritt die Flughundarten in der Neuen Welt, sie bestäubt viele tropische Pflanzen. Sie kann wie ein Kolibri in der Luft vor einer Blüte "stehen" bleiben und mit der langen Zunge saugt sie den Nektar auf. Dieses Beispiel zeigt, wie sich in verschiedenen Wirbeltierklassen und in verschiedenen Kontinenten im Verlauf der Entwicklungsgeschichte ähnliche Anpassungen an die Umwelt herausgebildet haben.

Quelle:
Auszug aus dem "Fledermaus-Anzeiger", dem offiziellen Mitteilungsorgan der "Koordinationsstelle Ost für Fledermausschutz" in der Schweiz. Es handelt sich um die Regionalbeilage für den Kanton Aargau aus der 20. Ausgabe vom September 1989 Fledermausbeobachtungen und Funde von toten oder verletzten Tieren bitte weitermelden. Diese Daten werden für die Erfassung und den Schutz der einheimischen Fledermausarten dringend benötigt.
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