Hier zur allgemeinen Einführung in die Thematik der mit freundl. Genehmigung des Authors abgedruckte Artikel
Flughund und Fledermaus - Unbekannte Tiere? von Andres Beck
Fledermäuse bilden innerhalb der Säugetiere eine eigenständige Gruppe. Der folgende Text gibt einen allgemeinen Abriß über die Biologie dieser faszinierenden Tiere, die als einzige Säugetiere AKTIV fliegen können. Der Verfasser ist Regionaler Fledermausschutz-Experte des Kantons Aargau in der Schweiz.
Ordnung Chiroptera
Innerhalb der Klasse der Säugetiere sind die ca. 200 Arten der
Flughunde (Unterordnung Megachiroptera) und die ca. 800 Arten der Fledermäuse
(Unterordnung Microchiroptera) in der Ordnung der Fledertiere (Chiroptera)
zusammengefaßt. Sie ist nach den Nagetieren (Ordnung Rodentia) die
artenreichste Säugetierordnung. Das Gemeinsame dieser etwa 1000 Arten
ist die Umgestaltung der Hand zum Flügel (Chiroptera = Handflügler),
der die Fledertiere als einzige Wirbeltiere neben den Vögeln zum aktiven
Flug befähigt.
Entwicklungsgeschichte
Die ältesten fossilen Fledermäuse wurden in der Grube Messel
bei Darmstadt gefunden. Sie stammen aus dem Eozän, also aus einer
Zeit, die 50 Millionen Jahre zurückliegt. Da der Körperbau dieser
fossilen Tiere bereits dem der heute lebenden Arten entspricht, stellen
Fledermäuse eine erdgeschichtlich alte Gruppe dar, die sich schon
früh entwickelt haben muß. Trotz fehlender älterer Fossilien,
die Rückschlüsse auf die Entstehungsgeschichte zuließen,
wird heute allgemein vermutet, daß Fledermäuse von nachtaktiven,
boden- oder baumbewohnenden Insektenfressern abstammen. Neben einigen wenigen
Vogelarten sind Fledermäuse die einzigen Wirbeltiere, die nachts den
Luftraum mit den vielen nachtaktiven Insektenschwärmen für den
Nahrungserwerb nutzen können. Vielleicht konnte sich gerade wegen
dieser fehlenden Konkurrenz eine so große Artenvielfalt bei den Fledermäusen
entwickeln.
Unterordnung Megachiroptera - Flughunde
Die ca. 200 Flughundarten sind nur in den Tropen und Subtropen der
alten Welt verbreitet. Die nächste Art aus europäischer Sicht,
der Nil- oder Ägyptische Flughund, kommt in Zypern vor. Flughunde
sind meist große Tiere; die Körperlänge bei den einzelnen
Arten reicht von 60 bis 100 cm. Der größte Flughund hat dabei
eine Flügelspannweite von 170 cm. Flughunde sind dämmerungsaktiv
und orientieren sich mit den großen Augen. Sie unterscheiden sich
hier von den "eigentlichen" Fledermäusen (Microchiroptera), die sich
mit Echoortung im Raum zurechtfinden. Einzig der Höhlenflughund, der
tagsüber in Höhlen schläft, hat ein ähnliches Orientierungs-System
entwickelt. Er macht "Schnalztöne" und hört deren Echo in der
Höhle. Diese Töne werden aber mit der Zunge produziert und nicht
wie bei den Fledermäusen im Kehlkopf. Alle Flughunde ernähren
sich rein vegetarisch, das heißt sie fressen Früchte, Blüten,
Pollen oder Nektar. Viele Arten fliegen in der Dämmerung zu Bäumen
und Sträuchern mit reifen Mangos, Avocados, Bananen, Datteln und Feigen
und fressen dort die Frucht, oder tragen sie mit den Füßen oder
im Maul weg. Viele Flughundarten sind durch diese Verschleppung der Früchte
und Samen wichtig für die Verbreitung tropischer Pflanzen. Eine Anpassung
an diese Fruchtnahrung finden wir bei diesen Arten am Gebiß. Die
Zähne sind breit und flach, sie dienen dem Zerquetschen der Früchte.
Viele Flughunde haben offenbar den gleichen Geschmack wie wir Menschen,
sie bevorzugen süße, aromatische und reife Früchte. Sie
werden deshalb oft bekämpft, da sie über nacht ganze Plantagen
von Zitrus-Sträuchern, Bananenbäumen, etc. plündern können.
Als eigentliche Blütenzerstörer gelten die Langnasenflughunde.
Sie fressen die fleischigen Blütenblätter vieler Pflanzen, wobei
die Pflanze daraus keinen Nutzen zieht. Dagegen bestäuben die Langzungenflughunde
viele tropische Pflanzen, ähnlich wie bei uns Hummeln und Bienen.
Die Flughunde landen auf den derben Blüten und biegen dadurch den
Blütenkelch nach unten, wobei sich der Nektar entleert, den die Tiere
mit der langen Zunge auflecken können. In der Zwischenzeit biegt sich
der Stempel an den Kopf, und von dort wird der Pollen an den Kopfhaaren
auf die nächste Blüte übertragen. Viele tropische Pflanzen,
darunter der Affenbrotbaum in Afrika, sind auf die Bestäubung durch
Fledertiere angewiesen. Es sind sogenannte "chiropterophile" Pflanzen.
Ihre Blüten blühen nur in der Nacht und sind unauffällig
gefärbt. Die Flughunde werden durch den intensiven Geruch angelockt.
Viele Flughundarten schlafen im Gegensatz zu unseren einheimischen Fledermäusen
tagsüber frei an Ästen von Bäumen und Sträuchern. Einige
Arten kehren dazu immer wieder an dieselben Schlafbäume zurück,
an denen mehrere hundert Tiere hängen können. Oft entsteht ein
großes Gezeter bis jeder seinen Hangplatz gefunden hat. Zum Schlafen
wickeln sie sich in ihre großen Flughäute ein, ähnlich
wie man es bei unseren beiden Hufeisennasen- Arten beobachten kann. Dies
schützt sie vor kühlen Temperaturen und Hitze. Bei großer
Hitze beginnen sie sogar mit den Flügeln zu fächeln. Flughunde
fallen nicht wie unsere Fledermausarten in eine Winterschlaf- oder Tagesschlaf-Lethargie;
bei den regelmäßig warmen tropischen Temperaturen wäre
dies auch nicht sinnvoll.
Unterordnung Microchiroptera - Fledermäuse
Die ca. 800 Fledermausarten kommen im Gegensatz zu den Flughunden auch
in der Neuen Welt vor und sind mit Ausnahme der Polregionen auf der ganzen
Welt verbreitet. Alle unsere einheimischen Arten gehören dieser Unterordnung
Microchiroptera an. Die Körpergröße beträgt bei diesen
Arten 3 bis 16 cm, die Flügelspannweite schwankt zwischen 18 und 70
cm. Fledermäuse sind nicht nur wie die Flughunde dämmerungsaktiv,
sie können sich mithilfe ihres Ultraschall - Orientierungssystems
auch bei Dunkelheit zurechtfinden. Diese Methode ermöglicht es ihnen,
die Beute in der Nacht aufzuspüren. Der größte Teil dieser
Fledermausarten ernährt sich von Insekten und anderen wirbellosen
Tieren, so auch alle unsere einheimischen Arten. Die nachtschwärmenden
Insekten werden hauptsächlich in der Luft gefangen. Aber auch vom
Boden oder der Vegetation werden Beutetiere aufgenommen; bei uns erbeuten
Große Mausohren flugunfähige Laufkäfer oder Braune Langohren
Raupen und Spinnen. Eine tropische Schlitznasenart fängt am Boden
wehrhafte und sehr giftige Skorpione, deren Giftstachel sie beim Fressen
abbeißt. Die Rundblattnase hat sich auf Singzikaden spezialisiert.
Sie wird von singenden Zikadenmännchen angelockt und schnappt diese
von ihrem Lockbaum weg. Einige große und kräftige Fledermausarten,
wie Lanzen- und Großblattnasen, erbeuten kleinere Wirbeltiere. Die
indische Lyra-fledermaus wurde beobachtet, wie sie in der Luft kleinere
Fledermausarten fing. An Fraßstellen dieser Art fand man zudem Überreste
von Brillenvögeln, Mäusen, Geckos, Fröschen und großen
Faltern. Das amerikanische Hasenmaul ergreift mit seinen Füßen
sogar Fische aus dem Wasser, die spitzen Krallen und Zähne ermöglichen
ihr das Festhalten der Beute. Eine weitere amerikanische Art erbeutet männliche
Frösche aus dem Wasser; sie wird, wie die Froschweibchen, durch die
Paarungsrufe angelockt. Alle diese Wirbeltierfresser haben ein kräftiges,
raubtierähnliches Gebiß. Drei südamerikanische Arten haben
eine weitere Nahrungsquelle erschlossen. Die echten Vampire bringen schlafenden
Säugetieren und Vögeln mit ihren scharfen Schneidezähnen
kleine Schnittwunden bei und lecken das austretende Blut auf, ohne daß
ihre Opfer aufwachen. Diese Arten treiben ihr "Unwesen" aber nur in Südamerika
und kommen nicht bis nach "Transsylvanien" vor, wie fälschlicherweise
immer wieder behauptet wird. Auch bei den Fledermäusen finden wir
Vertreter, z.B. der Blattnasen, die sich ganz oder teilweise von pflanzlichen
Stoffen ernähren; mit Vorliebe fressen auch sie reife, aromatische
Früchte. Die große Spielblattnase nutzt dabei ein breites Nahrungsspektrum;
sie frißt alles, von süßen Früchten und ganzen Blüten
samt Insekten bis hin zu Mäusen und Vögeln. Auch nektarsaugende
Arten trifft man bei den Fledermäusen an; die Spitzmaus-Langzungenfledermaus
vertritt die Flughundarten in der Neuen Welt, sie bestäubt viele tropische
Pflanzen. Sie kann wie ein Kolibri in der Luft vor einer Blüte "stehen"
bleiben und mit der langen Zunge saugt sie den Nektar auf. Dieses Beispiel
zeigt, wie sich in verschiedenen Wirbeltierklassen und in verschiedenen
Kontinenten im Verlauf der Entwicklungsgeschichte ähnliche Anpassungen
an die Umwelt herausgebildet haben.
Quelle:
Auszug aus dem "Fledermaus-Anzeiger", dem offiziellen Mitteilungsorgan
der "Koordinationsstelle Ost für Fledermausschutz" in der Schweiz.
Es handelt sich um die Regionalbeilage für den Kanton Aargau aus der
20. Ausgabe vom September 1989 Fledermausbeobachtungen und Funde von toten
oder verletzten Tieren bitte weitermelden. Diese Daten werden für
die Erfassung und den Schutz der einheimischen Fledermausarten dringend
benötigt.
Meldungen sind zu richten an :
Manfred Schäffler
Stationenweg 7
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