Die Wulfbachquellhöhle - längste Höhle
der Schwäbischen Alb
Zuletzt geändert am 3.3.2002
Tauchgänge in der Wulfbachquellhöhle wieder erlaubt!
Seit Beginn des Jahres 2001 gilt eine Polizeiverordnung der Stadt Mühlheim,
die die Befahrung der bisher gesperrten Wulfbachquellhöhle wieder
möglich macht. Wichtig ist allerdings, daß von Tauchern einige
Kriterien erfüllt werden müssen, damit eine Befahrung möglich
ist. Am wichtigsten ist hierbei der Versicherungsschutz durch eine Rettungs-
und Bergungsversicherung, die von der Stadt Mühlheim explizit gefordert
wird. Ansonsten muß nach den anerkannten Sicherheitsstandards des
Höhlentauchens getaucht werden (adäquate Ausrüstung und
ausreichende Erfahrung).
Für die Erteilung der Genehmigungen kann man sich direkt an die
Höhlenrettung Baden-Württemberg (matthias.leyk@gmx.de)
wenden, welche eine formale aber relativ unbürokratische Prüfung
der entsprechenden Kriterien vornehmen wird.
Genauere Infos gibt es auf
den Seiten der Höhlenrettung Baden-Württemberg.
Hierbei soll niemand gegängelt werden, es soll nur die Betauchung
der Höhle durch absolute Anfänger verhindert werden.
Die meisten Höhlentaucher werden also wie bisher in der Wulfbachquellhöhle
tauchen können.
Empfohlen wird zudem, sich die Sicherheitsempfehlungen
für die Befahrung der Wulfbachquellhöhle durchzulesen, da
hier auf die meisten der Wulfbachspezifischen Probleme aufmerksam gemacht
wird.
Tödlicher Tauchunfall in der Wulfbachquellhöhle am 6.5.2000
Eine Kerze am Eingang der Quellhöhle symbolisiert
die Trauer um den tödlich verunglückten Taucher
Es tut mir leid, daß ich erst jetzt dazukomme, etwas über
den tödlichen Unfall in der Wulfbachquellhöhle zu schreiben,
aber dadurch, daß unsere Gruppe maßgeblich bei der Bergungsaktion
und anschließenden Aufarbeitung des Vorfalls beteiligt war dauerte
es geraume Zeit, bis ich mich wieder um die Aktualisierung dieser Seite
kümmern konnte.
Zuerst möchte ich versuchen, eine objektive Darstellung des Unfalls
zu geben, zumindest so weit es mir aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes
möglich ist. Details, die für den Hergang des Unfalles unwesentlich
sind, habe ich weggelassen.
Eine sehr ausführliche Darstellung findet sich auf den Seiten
der Höhlenrettung
Baden-Württemberg.
Am Samstag, 6.5.2000 machen sich zwei Taucher auf den Weg in die Wulfbachquellhöhle.
Ziel ist es, über den Ohropax (eine Unter- und Überwasserengstellenkombination
ca. 340 m vom Eingang entfernt) hinaus weiter in die Höhle vorzudringen.
Es ist der 3. gemeinsame Höhlentauchgang der beiden und der zweite
in der Wulfbachquellhöhle. Sie verfügen über zwei Lampen,
nur einer der beiden über einen Helm. Am Ohropax wird das große
Doppelgerät abgelegt, ins Seil eingehängt und hochgezogen. Die
beiden können relativ weit in die Höhle vordringen.
Ca. 700m vom Eingang entfernt bemerken die beiden, daß das Licht
allmählich nachläßt.
Deshalb entschließen sie sich zur Umkehr. Als die Taucher wieder
den Ohropax erreichen ist die Beleuchtung bereits am Verglimmen. Die beiden
entscheiden dennoch, noch schnell die Unterwasserengstelle zu passieren.
Dies gelingt ihnen auch, doch aufgrund bisher nicht ganz geklärter
Umstände entscheidet sich einer der beiden, wieder in die Auftauchstelle
zurückzukehren, während sein Partner mit fast erloschener Beleuchtung
den Weg nach draußen antritt, um Hilfe zu holen. Am Ausgang angekommen,
alarmiert er über Handy die Rettungsleitstelle in Tuttlingen, welche
ihrerseits die Höhlenrettung Baden-Württemberg und mehrere lokale
Rettungsorganisationen wie Feuerwehr Mühlheim, DLRG und die
Bergwacht Donau-Heuberg alarmiert.
Wenige Stunden später erreichen zwei Höhlentaucher der HFGOK
die Wulfbachquelle und tauchen bis zum Ohropax. Dort finden sie den
vermißten Taucher in einer Auftauchstelle tot auf.
Ein Bergungsversuch am nächsten Tag scheitert. Einige Tage später
bergen Taucher der Höhlenrettung Baden-Württemberg und der HFGOK
den Toten. Eine Obduktion kann die unmittelbare Todesursache nicht definitiv
klären, allerdings ist ein Erstickungstod wahrscheinlich.
Eine vorläufige Analyse (Stand Juli 2000)
Vorbehaltlich weiterer Erkennntisse möchte ich folgendes zum Unfall
feststellen:
-
Mittelbar führten mangelhafte Ausrüstung und mangelnde Erfahrung
zum Unfall. Größtes Manko war die inadäquate Lichtmenge
(nur zwei Lampen pro Taucher). Diese leitete das verhängnisvolle Ereignis
ein. Normalerweise sollte man sich nach der klassischen Höhlentauchregel
richten, wonach mindestens 3 Lampen mitzuführen sind, von denen mindestens
zwei jeweils die komplette Dauer der Befahrung abdecken sollten (Gesamtlichtvorrat
sollte pro Person mindestens das 2,5-fache der großzügig
geschätzten Befahrungsdauer abdecken) . Im Zeitalter winziger und
federleichter Hochleistungs-LED-Lampen, die zum Teil tagelang brennen,
ist dies eher noch eine stark untertriebene Möglichkeit. Als Anschauungsbeispiel
möge meine persönliche Ausrüstung für eine Tour in
den Wulfbach über die 1000m - Marke hinaus dienen: als Hauptlicht
zwei wasserdichte Neonlampen à 5 Watt (Eigenbau, maximale Wassertiefe
100 m) und zwei 7,2 Ah 6V Bleigelakkus (maximale Brenndauer 18 h
bei wunderbar hellem Licht). Als Reservelampen am Helm zwei kleine wasserdichte
Tauchlampen mit jeweils 3 Babyzellen (NiMH 2500 mAh). Brenndauer mit jeweils
3 Hochleistungs-LEDs 44 (!) h. Dazu noch eine winzige Notlampe mit 4 NiMH
- Mignonzellen und einer einzigen Hochleistungs-LED: Brenndauer mehr als
70 (!) h. Rein gewichtsmäßig ist das ein Bruchteil dessen,
was ich noch vor wenigen Jahren mitgeschleppt habe, um auf gerade mal 16
h Brenndauer zu kommen.
-
Stichwort Erfahrung: ich will mich wirklich nicht zum Oberlehrer aufschwingen
- der Tod dieses jungen Menschen ist traurig genug und auch erfahrene Höhlentaucher
machen ab und an Fehler - aber ich möchte zumindest festhalten,
daß man für einen Tauchgang dieser Art mindestens 30 - 50 Höhlentauchgänge
auf dem Buckel haben sollte. Freiwassertauchgänge (auch im trübsten
Tümpel) und Höhlentauchgänge im warmen Florida zählen
meines Erachtens übrigens nicht dazu. Als Fazit bleibt festzustellen,
daß nach wie vor eine langsame Adaption über Jahre notwendig
ist und Abkürzungen beim Erwerb von Erfahrung sehr gefährlich
sind. Leider mache ich oft die Erfahrung, daß gerade Höhlentauchanfänger
die realen Gefahren ignorieren und durch grenzenlosen Optimismus auffallen.
Höhlentauchen ist ein Spiel mit der Statistik. Jeder Höhlentauchgang
bringt ein gewisses Risiko mit sich. Setzen wir für einen Anfänger
zum Beispiel die Gefahr eines mittelschweren Zwischenfalles willkürlich
mit durchschnittlich 2 % pro Tauchgang an (das ist durchaus nicht ganz
aus der Luft gegriffen) dann ereignet sich dieser Zwischenfall rein statistisch
gesehen spätestens nach 50 Tauchgängen. Da die 49 vorherigen
Tauchgänge u.U. relativ einfach und problemlos waren, wird man dann
spätestens beim 50. kalt erwischt (u.U. aber auch schon beim ersten).
Der erfahrene Höhlentauchprofi, der schon viele Zwischenfälle
erlebt hat (weil er z.B. schon 500 Höhlentauchgänge hat) wird
in so einer Situation relativ beherrscht und überlegt reagieren und
wahrscheinlich das richtige tun, während der Anfänger mit der
Situation überfordert ist. Erfahrene Höhlentaucher zeichnen sich
gerade dadurch aus, daß sie eine Vorstellung davon haben, was passieren
kann und auf die meisten Eventualitäten mental und ausrüstungsmäßig
vorbereitet sind. Sheck Exley brachte es auf den Punkt: "I cannot allow
my mind to slip a second". Im übrigen gilt beim Höhlentauchen
die Regel, daß die drei gefährlichsten Tauchgänge der schlecht
vorbereitete, der Tauchgang unter Gruppendruck und der Routinetauchgang
sind. Gegen die ersten beiden Varianten kann man sich mit etwas Disziplin
leicht schützen, bei der 3. Variante hilft nur ständige "kontrollierte
Paranoia" (um wieder Exley zu zitieren).
-
Als sehr gefährliche Praxis erachte ich das Durchtauchen des Ohropax
in Apnoe, während das Rückengerät unten im Seil hängt.
Ohne eine kleine seitlich befestigte Flasche setzt man sich beim Durchtauchen
dieser Engstelle einem unkalkulierbaren Risiko aus. Sollte man sich
in der Engstelle in der Führungsleine verheddern, so dauert es u.U.
einige Zeit, bis man sich wieder befreien kann, da man mit den Armen aufgrund
der Enge nicht zur Hüfte greifen kann. In so einem Fall ist man ohne
Flasche innerhalb einer Minute in akuter Atemnot.
-
Noch ein paar persönliche Worte zu den Ereignissen:
Ein großes Lob gehört der Bevölkerung der Gemeinde
Mühlheim. Ich glaube, ich habe noch nie ein derart diszipliniertes
Verhalten bei einem Vorfall erlebt, zu dem normalerweise die Schaulustigen
in Heerscharen strömen. Die Zusammenarbeit mit den lokalen Rettungsdiensten
und der Polizei darf als vorbildlich gelten. Sehr positiv waren wir auch
alle vom Einsatz der Rettungsseelsorger angetan, die sich in vorbildlicher
Weise um Angehörige, wie auch Rettungskräfte kümmerten.
Schließlich ist ein derartiger Einsatz immer eine enorme psychische
Belastung, vor allem wenn er sich über mehrere Tage hinzieht.
Weniger schön war die Diskussion, die in der "Tec-Szene"
während der Bergung geführt wurde. Ohne daß man die wahren
Fakten kannte, wurde in zum Teil unglaublicher Besserwisserei ein Rundumschlag,
sowohl gegen den verunfallten Taucher und seinen Freund als auch gegen
die organisierte Höhlenforschung geführt.
Vergessen wir nicht, daß ein junger Mensch sein Leben verloren
hat. Eine Unfallanalyse ist sicher wichtig, aber dabei sollte ein Mindestmaß
an Objektivität und menschlichem Respekt gewahrt bleiben. Ich kann
nur sagen, daß vielen der an der Bergung beteiligten Taucher
das Schicksal des Opfers ziemlich unter die Haut ging und daß die
entsprechenden flapsigen Äußerungen einiger "Tec-Diver" auf
wenig Verständnis stießen.
Fragen und Anregungen bitte an juergen.bohnert@uni-tuebingen.de
Zurück zur Speleoaquanautikseite